Kommunikation

„Wir können nicht NICHT kommunizieren“ lautet die viel beachtete These Paul Watzlawiks[1], d.h. wir sind ständig im Austausch mit anderen Personen. Auch wenn wir nach Ludwig Wittgenstein[2] schweigen, weil wir über eine Sache nicht reden können, sind wir im Austausch mit Anderen.

Was uns als Gegebenheit und Phänomen im Alltag so selbstverständlich erscheint, ist jedoch überaus kompliziert, wenn man „Kommunikation“ beschreiben, analysieren und sich in Beziehungen angemessen verhalten will.

Worum geht es?

Klassische sprachwissenschaftliche Modelle (Bühler, 1934; Schulz von Thun, 1981) nehmen meist generell nur eine Person in einer gemeinsamen Sprache und Welt/Kultur in den Blick und beschreiben eine Beziehung, nämlich die zwischen einem Kommunikanten und einem Sachverhalt. Dabei kommt die Dimension des Anderen in seiner Eigensprache und den Einstellungen seiner Eigenwelt nicht zur Sprache. Individuelle Annahmen und Inferenzen (exemplarisch Grice, 1975), die die Bedeutung von Wörtern und Ausdrücken im Austausch und in Wechselbeziehung miteinander beeinflussen, lassen sich so nicht beschreiben und modellieren.

Dies erweist sich besonders beim Übersetzen und Dolmetschen als große Lücke und entsprechend als grundlegendes Problem.

Daher muss insbesondere für die Mittlung von Kommunikation, also für das Übersetzen und Dolmetschen, aber auch für die Alltagskommunikation, muss eine Beschreibung, also ein Modell, feste Vorgaben für mindestens zwei Personen, A und B, in Interaktion miteinander in einer konkreten Situation als Parameter enthalten. In einer Sprachmittlungssituation kommt natürlich als Dritter die Person der Übersetzer*in/Dolmetscher*in M (= Mittler*in) hinzu. Weiter müssen gegeben sein:

  • das Interesse der Personen A und B an einer bestimmten Frage zu einer bestimmten Sachinformation und
  • die kognitive Fähigkeit der Personen A, B und M, die jeweils andere Person auch über die Sachinformation hinweg in Ihrer individuellen „Einstellung“ (Eigensprache und Eigenwelt) zur Sachinformation zu interpretieren und
  • das Interesse und die Achtsamkeit der Personen, bei der eigenen Formulierung der Replik die jeweiligen Gesprächspartner in ihrer individuellen Einstellung im sich ergebenden Wechselspiel des „Wortwechsels“ mit einzubeziehen und sich als Sprecher*in auf das Gegenüber einzustellen.

Die individuellen Einstellungen, die über der Sachinformation in die Kommunikationen einfließen, lassen sich als das eigenes „Gesetzeswissen“ des Einzelnen (Mudersbach 1984, kurzgefasst 1996) darstellen und sind in der Kommunikation als individuelle Hypothesen darüber zunächst hypothetischer Natur und verfestigen (oder ändern bzw. widerlegen) sich im Fortschreiten der Kommunikation.

Ein pragmalinguistisches, sogen. „epistemisches“ Modell, das die Interaktion zwischen einem (oder mehreren) Kommunikanten*innen auch in ihren individuellen Einstellungen zu einer Sache beschreiben kann, wird von Mudersbach (1984, 1996) vorgestellt. Danach sind folgende Faktoren Voraussetzung:

  1. mindestens zwei Personen, die aufgrund ihrer Bezogenheit aufeinander als „Dividuen“ (im Gegensatz zu „Individuen“) bezeichnet werden,
  2. die Annahme (individuelle Hypothese) von Eigensprachen („Gesetzen“), d.h. von möglicherweise unterschiedlichen Einstellungen zu einem Sachverhalt (unter dem Schirm ihres eigenen Verständnisses),
  3. eine Interaktion im Austausch der Kommunikanten*innen miteinander in ihrem jeweils individuellen Verständnis von der Situation (als Ausschnitt ihres Weltverständnisses), insbesondere in ihren individuellen Einstellungen zu einem Sachverhalt.

(Beispiel: Wird das Wasserglas als „halb voll“ oder „halb leer“ betrachtet? Der „Sachverhalt“ bleibt dabei identisch, die Einstellungen bilden jedoch eine unterschiedliche Einstellung zum Sachverhalt ab.)

Voraussetzung für die konkrete Interaktion ist dabei das Interesse eines Dividuums an einer bestimmten Frage in einer konkreten Situation, das der Andere – über die Sachinformation hinweg – zunächst hypothetisch wahrnimmt und deutet, die Korrektheit dieser Deutung dann aber über Rückfragen sichern kann.

Diese Grundkonstellation ist in der Kommunikation von Dividuen (im Ggs. zu Individuen) immer impliziert.

Daraus resultiert, dass es keine „Objektivität“ eines Sachverhalts geben kann, sondern lediglich subjektive Sachverhalts- und Weltverständnisse der jeweiligen Dividuen. Das Wissenschaftsprinzip der „Objektivität“ kann sich daher nur auf die Transparenz und Wiederholbarkeit des methodischen Vorgehens, nicht auf das erzielte Ergebnis, beziehen.

Wir legen in unseren Arbeiten hier dieses epistemische pragmatische Kommunikationsmodell (Mudersbach 1984) zugrunde, da es erlaubt, auch das Erkennen der individuellen Hypothesen bezüglich der Eigensprachen von Sprecher*in/Hörer*innen (als impliziertes „Gesetzeswissen“ der „Kommunikanten“) in einer Kommunikationssituation zu hinterfragen und stets als relevanten Kommunikationsfaktor, insbesondere als Entscheidungsfaktor im Rahmen der Mittlung von Kommunikation, also beim Übersetzen und Dolmetschen, mit in Betracht zu ziehen.

Die individuellen Hypothesen sind im Einzelfall als „subjektive“ Faktoren im Sinne einer „transparent subjectivity“ kenntlich zu machen.

Literatur

  • Karl Bühler (1934). Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer.
  • Herbert Paul Grice (1975). Logic and Conversation. In P. Cole, & J. L. Morgan. (Eds.), Syntax and Semantics, Vol. 3, Speech Acts (pp. 41-58). New York: Academic Press.
  • Klaus Mudersbach (1984). Kommunikation über Glaubensinhalte. Grundlagen der epistemistischen Linguistik. Berlin: de Gruyter.
  • Klaus Mudersbach (1996). „Eine pragmatische Logik für die Sprechersicht“ (PDF)
  • Friedemann Schulz von Thun (1981). Miteinander reden. Band 1: Störungen und Klärungen. Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. Rowohlt, Reinbek 1981.
  • Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (1969). Menschliche Kommunikation. Huber Bern Stuttgart Wien, 2.24 S. 53
  • Ludwig Wittgenstein (1921). Logisch-Philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus), Satz 7.

[1] Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson. Menschliche Kommunikation. Huber Bern Stuttgart Wien 1969, 2.24 S. 53

[2] Wittgenstein. Logisch-Philosophische Abhandlung (Tractatus logico-philosophicus), Satz 7.